Geschichte

Ein Beitrag zur Entwicklung des Gesundheitswesens in Meppen

„Habe mich hier als prakt. Arzt niedergelassen“. So konnten es die Bezieher der Ems-Hase-Nachrichten am 19. November 1905 in ihrem Blättchen lesen. Es war der 28jährige Dr. Hans Sievert, der sich vor genau 100 Jahren in Meppen niederließ und dies in einer Anzeige kundtat. Gewiß hätte er sich nicht träumen lassen, daß die damals eröffnete Praxis im Jahre 2005 das 100jährige Bestehen würde feiern können. Sie wird jetzt von Dr. Johannes Sievert, dem Enkel des Gründers, und seiner Ehefrau Dr. Antonia Sievert geführt.

Dr. Hans Sievert, aus Dülmen stammend, hatte eine gründliche medizinische Ausbildung erfahren. Nach dem Studium in Freiburg, Erlangen und Kiel hatte er eine dreijährige Zeit als Assistenzarzt im renommierten Marien-Krankenhaus in Hamburg durchlaufen. Nach Meppen kam der 28jährige aufgrund einer Annonce, in der ein Arzt für die Kreisstadt gesucht wurde. Zunächst bezog er Wohnung und Praxis im Hause Am Markt 37; die Praxis umfaßte damals lediglich ein Wartezimmer und den Behandlungsraum. Die anfallenden Schreibarbeiten erledigte der junge Arzt selbst, denn damals gab es noch keine Arzthelferin.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts praktizierte in Meppen nur der Königliche Kreisarzt und Geheime Sanitätsrat Dr. Johann Heinrich Petermöller, der wenige Jahre später Sieverts Schwiegervater werden sollte. Um das Jahr 1905 hatte die Stadt Meppen kaum mehr als 4500 Einwohner. Der neue Kollege erwarb sich rasch Ansehen und Anerkennung und damit wuchs auch die Zahl seiner Patienten. Da es auf den umliegenden Dörfern noch keine Ärzte gab, hatte Dr. Sievert auch dort zu tun.

Der Einzugsbereich seiner Praxis erstreckte sich von Hemsen im Norden bis nach Geeste und Schwartenpohl im Süden, von Bokeloh und Dörgen im Osten bis nach Twist und Schöninghsdorf im Westen. Kein Wunder also, daß der ganze Nachmittag den Besuchen bei Patienten vorbehalten war, eine äußerst zeitaufwendige Arbeit, die er - anders als Sanitätsrat Petermöller, der eine Kutsche bevorzugte -, zunächst nur mit dem Rad, später mit dem Motorrad bewältigte. Von denen hatte Dr. Sievert gleich drei: eins benutzte er, eins von den dreien stand nahezu ständig beim Mechaniker und eins hielt er für alle Fälle in Reserve. Dieser kleine Fuhrpark war notwendig, denn die Fahrzeuge wurden sehr strapaziert. Die Straßen waren oft tief morastig, voller Schlaglöcher, und nur ein schmaler seitlicher Streifen war für Fahrräder und Motorräder einigermaßen zu befahren. Im allgemeinen besuchte er die verschiedenen Ortschaften in einem feststehenden Rhythmus und steuerte die Gaststätte des jeweiligen Dorfes an. Das war zumeist die Adresse, bei der sich die neu erkrankten Patienten meldeten, und dort erfuhr er dann, wer seiner Hilfe bedürftig war. Gelegentlich erwartete man den Arzt bereits sehnsüchtig an der Straße. Zu seiner und der Patienten Erleichterung unterhielt er in Schöninghsdorf eine Dependance in einer kleinen Holzhütte, wo er Freitag nachmittag Sprechstunde abhielt. Sie wurde erst nach 1945 geschlossen. Anders als heute konnte der Arzt damals häufig nicht so schnell bei akuten Erkrankungen zur Hilfe eilen, und es wird den jungen Dr. Sievert bedrückt haben, wenn seine Hilfe zu spät kam. Mit der zunehmenden Verbreitung des Telefons war dann auch er schneller zu erreichen.

Die Patienten, die ihn in seinen Praxisräumen aufsuchten, behandelte er, wie man der oben erwähnten Anzeige aus den Ems-Hase-Nachrichten entnehmen kann, von 8.00 Uhr bis 10.00 Uhr und von 12.00 bis 12.30 Uhr. Zwischen 10.00 und 12.00 Uhr operierte er im Krankenhaus, meistens Leistenbrüche oder Blinddärme, und außerdem war er als Geburtshelfer tätig, während des Ersten Weltkriegs auch in Haselünne, das er mit der Eisenbahn erreichte. Damals gab es noch keine festangestellten Ärzte am Krankenhaus, vielmehr waren die einheimischen Ärzte, deren Zahl sich mittlerweile erhöht hatte, als Belegärzte tätig. Allerdings wählte das Kuratorium des hiesigen Krankenhauses Ludmillenstift einen örtlichen Arzt als Stiftsarzt, der aber weiterhin auch als niedergelassener Arzt seinem Beruf nachgehen konnte. In gewisser Hinsicht ist er mit einem Leitenden Arzt vergleichbar. Es spricht für das Ansehen Dr. Sieverts, der allgemein Sieverts Jan genannt wurde, daß er dieses Amt von 1924 -1945 innehatte.

Als die ursprünglich gemietete Wohnung und Praxis sich als zu klein erwies – mittlerweile hatte der junge Arzt Hedwig Petermöller, die Tochter seines älteren Kollegen geheiratet – zog die junge Familie in das heutige Stadthaus, dessen Erbauer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ebenfalls den Beruf des Arztes ausübte. In diesem Haus wurde auch der heute 85jährige Dr. Hans Sievert geboren, der später in zweiter Generation die Praxis übernehmen sollte. Rückblickend auf seine Kindheit meint er: „Ich habe nicht viel von meinem Vater gehabt, er war ständig unterwegs.“ In der Tat, es gab kein freies Wochenende, und an einen geregelten Notdienst, wie er heute üblich ist, war damals noch nicht zu denken. Immerhin, mit dem Kauf eines Automobils in den zwanziger Jahren und dem Ausbau des Straßennetzes im Landkreis Meppen ließen sich die Patienten in der Umgebung schneller erreichen. Nach Emsstrassedem Tode seines Schwiegervaters bezog er 1924 dessen Haus in der Emsstraße, das nach mancherlei Umbauten bis 1976 die Praxis beherbergte.

Dr. Hans Sievert, der gleichnamige Sohn des Praxisgründers, kehrte nach seinem Studium in Königsberg, Danzig, Göttingen und Münster 1948 nach Meppen zurück. Er konnte die Praxis aber aus zulassungsbedingten Gründen nicht sofort übernehmen, sondern war zunächst Assistent seines Vaters, lernte dabei nicht zuletzt den Umgang mit seinen emsländischen Patienten und erwarb schnell ihr Vertrauen als Hausarzt. Erst 1958 übernahm er gemeinsam mit seiner 1974 verstorbenen Ehefrau Dr. Marianne Sievert die väterliche Praxis. Noch heute wundert er sich über die hohe Zahl der Hausgeburten, bei denen er als Geburtshelfer tätig war. Anfangs waren es 250 bis 300 jährlich.

Wahrscheinlich übten sein ältester Sohn und Nachfolger Dr. Johannes Sievert und dessen Ehefrau Dr. Antonia Sievert gemeinsam ihren Beruf als Ärzte für Allgemeinmedizin noch heute in der Emsstraße. aus, wenn nicht die Stadt Meppen vor 30 Jahren eine neue Brücke geplant hätte, die die alte Hubbrücke ersetzen sollte. Diesen bis heute allerdings nicht realisierten Plänen wäre dann das Haus in der Emsstraße zum Opfer gefallen. Also entschloß man sich, 1976 ein neues modernes und großzügiges Praxisgebäude mit Wohnung in der Kleiststraße zu errichten, auf einem Grundstück, das die Familie bis dahin als Garten nutzte. In diesem Haus ist nun die dritte Generation der Familie Sievert im Dienste der Kranken tätig. Zunächst war der 1949 geborene älteste Sohn Johannes ein Jahr lang Assistent seines Vaters, bevor Vater und Sohn seit 1983 gemeinsam praktizierten. Nach und nach zog sich der Vater aus dem aktiven Berufsleben zurück. Jetzt steht schon neben der dritten die vierte Generation bereit. Jan Sievert hat sein medizinisches Studium beendet und beginnt seine Facharztausbildung im Jahre 2006.

Seit hundert Jahren stehen Mitglieder der Familie Sievert den Kranken bei und haben vielen Menschen helfen können. Die Geschichte der Praxis spiegelt jedoch nicht nur ein Stück Familiengeschichte, sondern zeigt auch, wie sich die medizinische Versorgung in Meppen aus bescheidenen Anfängen entwickelt hat. Dazu haben drei Generationen der Familie Sievert tatkräftig beigetragen. Patienten und Kollegen, Bekannte und Freunde nehmen das Jubiläum deshalb gern zum Anlaß zu danken und den Sieverts für die Zukunft alles Gute zu wünschen.